„Wir müssen dem (Kunst-)Stoff einen Wert geben“

WAGO Kontakttechnik GmbH & Co.KG


Dieter Gottschalk ist Ingenieur, Kunststoffexperte, Verpackungsprofi, Ex-Manager, passionierter Ressourcenschützer, Partner von CirQuality OWL und Mitgründer der Wildplastic GmbH. Nach technischer Berufsausbildung kam es zum ersten Kontakt mit Kunststoff während des Maschinenbaustudiums. Begeistert von den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des Werkstoffs, ließ ihn dieser nicht mehr los und begleitete ihn durch diverse Stationen in Extrusion, Tiefziehen, Blasformen und Spritzguss im In- und Ausland.
Zuletzt verantwortete er die Geschäfts-/Werksleitung eines konzerngebundenen Spritzgießunternehmens mit Schwerpunkt Verpackung.
Wie er von der Verarbeitung von Kunststoffen zu deren Verwertung und Recycling kam, erzählt er im Interview, das wir im Rahmen der europäischen Woche der Abfallvermeidung mit ihm geführt haben.

Wann begann das Thema Ressourceneffizienz für Sie eine Rolle zu spielen und warum?
Als Produktionsunternehmen war es für uns schon immer wichtig, mit den vorhandenen Ressourcen (Energie, Wasser, Rohstoffe, aber auch Maschinen und Technologie) so effizient wie möglich zu agieren. Als konzerngebundenes Unternehmen kam neben diesem Eigenantrieb noch die Vergleichbarkeit zwischen den Standorten hinzu.
Bereits vor etwa zehn bis zwölf Jahren haben wir diesen Ansatz auf unsere Kunden und Lieferanten ausgedehnt und angefangen, z.°B. nicht mehr marktgängige Produkte zu retournieren, zu entpacken und zu 100 Prozent zu recyceln. Weiterhin haben wir in enger Zusammenarbeit mit einem bedeutenden Mineralölunternehmen hocheffiziente Hydrauliköle eingesetzt und die Standzeiten um den Faktor 6 verbessern können. Als erstes Spritzgießunternehmen in der EU.
In den Jahren ab 2015 haben wir im Zuge von Marktveränderungen und zurückgehender Nachfrage nach unseren Produkten die Kapazitäten anpassen müssen und Standorte geschlossen. In diesem Zusammenhang wurde mir sehr deutlich bewusst, wie wenig Wertschätzung vorhandene, gut erhaltene, aber gebrauchte Ressourcen im Markt erfahren und deshalb in der Entsorgung landeten.
Diese Erfahrung hat bei mir einen grundlegenden Wandel in der Einstellung hervorgerufen und ich begann, mich intensiv mit dem Ressourcenschutz, der Kreislaufwirtschaft und dem Wiedereinsatz von Wertstoffen (Circular Economy) zu beschäftigen. Mit Kunststoff kenne ich mich bestens aus, deshalb war schnell klar, wo mein Fokus liegen würde.

Bevor wir auf die Kreislaufwirtschaft und unser gemeinsames Ressourceneffizienz-Projekt eingehen, warum gerade Kunststoff? Plastik hat heute ja nicht gerade den besten Ruf.
Genau darum geht es. Allein der umgangssprachliche Begriff „Plastik“ zeigt schon, dass Kunststoff ein echtes Imageproblem hat. Mir geht es darum, dass die Öffentlichkeit den Wert dieser Ressource begreift und sie sinnvoll einsetzt. Denn Kunststoff lässt sich sehr energieeffizient bearbeiten, mit einem deutlich geringeren Energieeintrag als Papier, hat wenig Gewicht und ist vielseitig einsetzbar.
Haben wir ein Abfallproblem und produzieren wir zu viel Plastik, was eine Gefahr für unsere Umwelt darstellt? Das steht außer Frage! Die Menge und die niedrigen Recyclingquoten sind eindeutig Themen, die wir als Gesellschaft angehen müssen. Allein der „Grüne Punkt“ recycelt in einer seiner Anlagen nach eigenen Angaben pro Jahr rund 50.000 Tonnen Kunststoff. Das ist an sich schon ein Problem, viel schlimmer ist aber, dass gut die Hälfte davon nicht wiedereingesetzt werden kann und thermisch verwertet wird. Ursache hierfür sind Verunreinigungen, Nichtsortierbarkeit (trivial, aber passiert noch immer: Aludeckel wird nicht vom Joghurtbecher entfernt), Mehrschichtfolien und Fehlwürfe (alles, was nicht in die Gelbe Tonne darf).
Hier ist noch sehr viel „Luft nach oben“. Und der Konsument kann durch seine Kaufentscheidungen und richtiges Entsorgungsverhalten einen erheblichen Einfluss ausüben.

Warum ist die Recyclingquote denn so gering?
Mangelnde Reinheit – die drei wichtigsten Regeln des Recyclings heißen Sortieren, Sortieren und Sortieren. Nur so kann der Stoff recycelt werden und behält seine Wertigkeit. Bei den Metallen ist das schon gang und gäbe. Kunststoff gilt bei vielen aber immer noch als minderwertiges Produkt. Natürlich gibt es auch positive Beispiele, bei denen Abfälle einen Wert haben. So werden beim Pfandflaschensystem schon ca. 90 Prozent recycelt. Aber das Potenzial bei den anderen Kunststoffen ist noch riesig. Und nicht alles, was werbewirksam angepriesen wird, ist auch sinnvoll. Wenn der Kunststoff PET zu Kleidung verarbeitet wird, ist das streng genommen Downcycling, weil die Qualität geringer und die Recyclingschleife kürzer ist. Wenn wir schon ein Material wie PET haben, das für den Foodbereich geeignet ist, warum es nicht auch dort wieder einsetzen, also in einem Upcycling-Strom halten. Das gelingt nur durch gute Sortierung und Reinhaltung und anschließende Aufbereitung.

Was verbirgt sich hinter der Circular Economy und warum sind Sie ein so starker Verfechter?
Bei der Kreislaufwirtschaft oder zirkulären Wirtschaft geht es darum, Abfall und Emissionen zu verringern, indem wir Energie und Ressourcen effizient nutzen, Wert- und Rohstoffe erhalten und diese einem erneuten Verwendungszweck zuführen. Der Reststoff eines Prozesses ist der Rohstoff für einen weiteren Prozess. Wie groß die Bedeutung für den Umwelt- und Klimaschutz ist, zeigt nicht zuletzt der European Green Deal, in dem die kreislauforientierte Wirtschaft eine zentrale Rolle spielt.
Abfall als Wertstoff im gesamten Materialkreislauf zu begreifen, ist einer der Kernpunkte. Und dabei geht es um drei Prinzipien: Reduce, Reuse und Recycle. An erster Stelle steht natürlich, den Einsatz von Materialien zu reduzieren (Reduce). Bleiben wir beim Kunststoff und der Sicht eines Produzenten, so wäre ein einfaches Beispiel, die Wandstärke von Verpackungsbeuteln zu verringern. Reuse bedeutet, eine möglichst lange Nutzungsphase zu ermöglichen. Hier gilt: Mehrweg ist besser als Einweg. Erst dann sollte das Recycling folgen, bei dem das Material für einen neuen Zweck aufbereitet wird.
Und es ist auch aufmerksames Konsumentenverhalten gefragt. Auch wenn man häufig ein anderes Gefühl hat, JEDER kann einen Teil dazu beitragen. Bewusst konsumieren, Einwegplastik vermeiden, richtig trennen und entsorgen – damit ist schon viel erreicht.

Was heißt das für ein Industrieunternehmen wie WAGO?
Da beginnt es schon beim Einsatz der Kunststoffe: Welche setze ich ein? Kann ich die Vielfalt reduzieren oder komplexe Materialrezepte vereinfachen? Dazu gehört aber auch eine bewusste Entscheidung, nachhaltig zu wirtschaften. Denn es ist kurzfristig nicht immer der kostengünstigste Weg, verantwortungsvoll mit Wertstoffen umzugehen. Eine Sortierung, Reinigung, richtige Lagerhaltung etc. von „Abfall“ ist aufwendig und braucht eine Entscheidung, für die WAGO mit der Verankerung von Nachhaltigkeit in seiner Strategie schon einen Anknüpfungspunkt geschaffen und Verantwortung bewiesen hat.
Darüber hinaus sollten sich Unternehmen schon heute für die kommenden Anforderungen fit machen. Als international tätiges Unternehmen hat man sicherlich nicht an jedem Standort die gleichen Möglichkeiten, aber wenn man die Strukturen vor Ort beachtet, lässt sich überall etwas möglich machen. Unternehmen sollten die Themen angehen, die sie selbst unter Kontrolle haben, und sich im nächsten Schritt die richtigen Partner suchen. Ein Beispiel sind Container für verschiedene Kunststoffarten und die richtigen Recyclingpartner und Entsorgungsunternehmen. Auch Kooperationen mit anderen Unternehmen sind möglich. Das Stichwort ist hier „Verwertung statt Entsorgung“. Was ein Unternehmen nicht mehr nutzt, kann für ein anderes noch interessant sein.
Darüber hinaus ist der regelmäßige Austausch, die offene Kommunikation zwischen Standorten und auch über die Unternehmensgrenzen hinweg extrem wichtig. Nur in den seltensten Fällen muss etwas neu erfunden werden – und gemeinsam finden sich zumeist Lösungen. Auch diesen Ansatz verfolgen wir mit unserem Projekt.

Wie kam die Zusammenarbeit mit WAGO zustande und an welchem Projekt arbeiten Sie gerade?
Durch meine Zusammenarbeit mit der Effizienz-Agentur NRW und eine Veranstaltung mit Cirquality OWL entstand der erste Kontakt zu WAGO. Aktuell beschäftigen wir uns schwerpunktmäßig mit dem PBT-Kunststoff, aus dem die orangen Hebel an unseren Verbindungsklemmen bestehen. Der Auslöser dafür war, dass sich die Entsorgungswege für dieses hochwertige Material zunehmend schwierig gestalten und es sich im Lager anhäufte.
Hierbei handelt es sich um ein sehr hochwertiges Material mit einer sehr aufwendigen Herstellung, sensiblen Vorbehandlung und Verarbeitung. Die Einsatzgebiete für diesen Werkstoff sind begrenzt, eine weitere Verwendung als Rezyklat ist schwierig und die Materialkosten sind hoch.

Durch den Wiedereinsatz dieses Regenerats wurden im Jahr 2019 im Durchschnitt bereits 15 Prozent an Neuware eingespart. Aufgrund der engen Zusammenarbeit zwischen WAGO und Lieferanten sowie erfolgreicher Tests, Prüfungen und Genehmigungen konnte dieser Wert im laufenden Jahr bereits auf durchschnittlich 30 Prozent Einsparung optimiert werden.
Aktuell arbeiten wir sehr erfolgreich am konstanten Einsatz von 40 Prozent Regenerat und einer weiteren Reduzierung des Angussverlustes – im Idealfall hin zu „null“.
Nur zur Verdeutlichung: Ein Prozent weniger Neuware bedeutet am Standort Sondershausen z.°B. eine Einsparung von 30.000 Euro pro Jahr bei aktuellem Materialeinsatz.
Das gelingt durch die Regranulierung im Extruder, was bei diesem hochtechnischen Kunststoff sehr herausfordernd ist. Auch hier geht es wieder darum: Der „Abfall“ muss genauso behandelt werden wie der eigentliche Wertstoff, d.°h. reinhalten, trennen, sicher lagern, Verunreinigungen eliminieren. Nur dann ist eine Regranulierung im Extruder möglich. Außerdem betrachten wir mögliche Optimierungen der Werkzeuge, um den Angussanteil zu reduzieren, wie auch nachgelagerte Recyclingprozesse des PBT-Abfalls.

Welche Trends sehen Sie für die Zukunft?
Was wir heute schon feststellen, ist eine deutlich höhere Sensibilisierung in der Gesellschaft für die Themen Abfallvermeidung und effiziente Ressourcennutzung. Das wirkt sich auch auf die Unternehmen aus, die verantwortungsvoller handeln wollen und dafür auch zu neuen Partnerschaften bereit sind. Nachhaltiges Wirtschaften ist heute ein wichtiger positiver Imagefaktor. Die Konsumenten sind bereit, für nachhaltige Produkte höhere Preise zu zahlen. Das habe ich auch u.°a. mit dem Unternehmen Wildplastic feststellen können.
Mit Wildplastic sind wir weltweit aktiv, um Plastik aus der Umwelt zu sammeln, dem Rohstoff einen Wert zu geben und es einem neuen Zweck zuzuführen. Zunächst sind das unsere Müllbeutel, die eine sehr hohe Akzeptanz erfahren. Wir haben aber auch spannende Projekte mit Konzernen und so etwa bereits Versandtaschen aus Umweltplastik realisiert.
Dieses Engagement erfährt ein ungeheuer positives Feedback – und aktuell zählen wir sogar zu den Finalisten des Deutschen Nachhaltigkeitspreises in der Kategorie „Design“ – also Daumen drücken!
Politisch gesehen sind das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz und der European Green Deal wichtige Signale, die zukünftig für deutlich höhere Recyclingquoten sorgen werden. Das trifft sicherlich zuerst eher den Konsum- und Verpackungssektor, aber nicht nur kunststoffverarbeitende Unternehmen werden sich generell stärker auf nachhaltigere Produkte fokussieren müssen – sei es bei Materialeinsatz, der Langlebigkeit oder Recyclingfähigkeit sowie der CO2-Bilanz. WAGO kann hier auf seine Expertise zurückgreifen und weitere wichtige Schritte in Richtung Zirkularität gehen.

Haben Sie noch einen Appell zum Schluss?
Wichtig ist es, dass wir einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft erreichen. Jeder Einzelne kann etwas erreichen, wenn er dazu bereit ist! Und darf sich nicht von Negativbeispielen beeinflussen lassen. Grundsätzlich sollten wir alle schauen, wie wir Abfall vermeiden und die Wiederverwendbarkeit erhöhen können. Dabei müssen wir zirkulär denken, Abfall als Wertstoff, das Produkt als temporären Verwendungszweck eines Rohstoffs begreifen und ihn auch so behandeln – so wie es in der Metallindustrie schon seit Jahrzehnten gelebte Praxis ist.

Das Interview führte Tina Nolting von WAGO, Redakteurin im Bereich Corporate Communication.


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